Warum Eigenleistung am Bau ohne Profi eine teure Falle sein kann
Viele Bauherren glauben, sie sparen Geld, wenn sie selbst Hand anlegen. Ein neues Dach legen, die Wand verputzen, die Heizung anschließen - das klingt nach sinnvoller Einsparung. Doch die Realität sieht oft anders aus. Wer ohne fachliche Unterstützung baut, läuft Gefahr, dass die Eigenleistung am Ende mehr kostet als sie bringt. Nicht nur wegen schlechter Arbeit, sondern auch wegen rechtlicher Fallgruben, Versicherungslücken und Folgeschäden, die erst Monate oder Jahre später sichtbar werden.
Die Deutsche Handwerks-Zeitung berichtet von Fällen, in denen Bauherren versehentlich Wasserleitungen anbohrten, weil sie nicht wussten, wo sie verlaufen. Andere verletzten sich schwer, weil sie keine Sicherheitsvorkehrungen trafen. Und wer hilft, wenn der Freund, der das Bad verfliest, plötzlich krank wird? Die Bauzeit läuft weiter - und die Kosten steigen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ein Projekt ohne Baubegleitung kostet im Schnitt 13 % mehr an Folgekosten als ein Projekt mit professioneller Unterstützung. Das liegt nicht an teuren Handwerkern, sondern an Mängeln, die nicht rechtzeitig erkannt wurden. Ein undichtes Dach, falsch verlegte Isolierung, nicht genehmigte Umbauten - all das führt zu teuren Nachbesserungen, die oft nicht mehr von der Versicherung gedeckt werden.
Was ist eigentlich Bauleitung und wie unterscheidet sie sich von Baubegleitung?
Bauleitung und Baubegleitung werden oft synonym verwendet, aber sie sind nicht dasselbe. Die Bauleitung ist eine offizielle, rechtlich verankerte Aufgabe. Sie wird in der HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) als Leistungsphase 8 definiert: Objektüberwachung. Wer diese Rolle übernimmt, trägt die Verantwortung dafür, dass das Bauvorhaben nach Plan, Norm und Gesetz ausgeführt wird. Das ist nicht nur Kontrolle - das ist rechtliche Haftung.
Die Baubegleitung hingegen ist flexibler. Sie ist die professionelle Unterstützung für den Bauherrn, der selbst arbeitet. Ein Baubegleiter prüft Pläne, erklärt, was machbar ist, hilft bei der Auswahl der Handwerker, begleitet Baustellenbesuche und dokumentiert jeden Schritt. Er ist kein Bauleiter im rechtlichen Sinne - aber er verhindert, dass der Bauherr zum Bauleiter wird, ohne die nötige Qualifikation.
Ein Architekt kann Bauleitung übernehmen. Ein Bauingenieur auch. Aber ein privater Bauherr? Nur, wenn er eine entsprechende Ausbildung nachweist - was die meisten nicht haben. Und selbst wenn: Die Versicherung prüft genau, wer verantwortlich ist. Wer ohne offiziellen Bauleiter baut, riskiert, dass er bei Schäden selbst haftet - auch wenn er nur einen Teil der Arbeit selbst gemacht hat.
Was genau macht eine professionelle Baubegleitung?
Ein guter Baubegleiter ist kein bloßer Kontrolleur. Er ist Ihr Partner von der ersten Planung bis zur Schlüsselübergabe. Seine Aufgaben sind vielfältig und konkret:
- Er prüft die Baupläne auf technische Machbarkeit und Einhaltung der geltenden Normen - besonders wichtig bei Energieeinsparverordnung (GEG) und Schallschutzvorgaben.
- Er erstellt einen realistischen Bauzeitplan, der auch Ihre Eigenleistungen berücksichtigt. Kein Handwerker soll warten, weil Sie noch nicht fertig sind.
- Er koordiniert die Gewerke: Elektriker, Klempner, Maurer, Dachdecker - alle müssen im Takt arbeiten. Wer das nicht macht, hat später Probleme mit Feuchtigkeit, Rissen oder undichten Anschlüssen.
- Er kontrolliert die Qualität: Ist die Dämmung richtig verlegt? Sind die Fenster richtig eingebaut? Werden die Anschlüsse nach Vorschrift gemacht? Das sieht man oft erst nach dem Einzug - wenn es zu spät ist.
- Er prüft Rechnungen. Handwerker rechnen manchmal zu viel ab. Ein Baubegleiter weiß, was wirklich nötig war.
- Er dokumentiert alles: Fotos, Protokolle, Unterschriften. Das ist Ihr Beweis, wenn später jemand behauptet, die Arbeit wäre nicht in Ordnung gewesen.
- Er hilft bei der Abstimmung mit der Baubehörde. Wer Eigenleistungen macht, muss oft Nachweise vorlegen - wer weiß, welche Unterlagen nötig sind, wenn nicht ein Experte?
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Bauherr wollte selbst die Fußbodenheizung verlegen. Der Baubegleiter prüfte den Plan, erkannte, dass die Rohrverlegung nicht den Mindestabständen entsprach. Ohne diese Kontrolle hätte der Boden später gerissen, die Heizung wäre undicht geworden - und die Reparatur hätte 15.000 Euro gekostet. Die Begleitung kostete 1.200 Euro.
Welche Eigenleistungen sind wirklich sinnvoll?
Nicht jede Eigenleistung lohnt sich. Manche Arbeiten sind einfach zu riskant - andere sind nur scheinbar einfach.
Empfehlenswert:
- Malern und Tapezieren (wenn die Oberflächen vorbereitet sind)
- Einbau von Einbauküchen oder Möbeln (ohne Anschlüsse)
- Demontage von Altbauten (z. B. alte Fliesen, Türen, Fenster)
- Gartenarbeiten: Terrassenbau, Beete anlegen, Hecken schneiden
- Montage von Regalen, Gardinen, Lichtschaltern (nur wenn Sie wissen, wie es sicher geht)
Vermeiden Sie:
- Elektrische Installationen - auch Steckdosen sind gefährlich, wenn sie nicht nach Vorschrift verlegt sind
- Wasserleitungen und Heizkörper - ein einziger Fehler und das ganze Haus ist unterspült
- Dämmung und Isolierung - falsch verlegt, führt sie zu Schimmel und Energieverlust
- Dacharbeiten - das ist kein Heimwerken, das ist Berufsunfallrisiko
- Tragwerksänderungen - Wände abbauen, Decken durchbrechen - das kann das ganze Haus gefährden
Die Faustregel: Wenn es eine Genehmigung braucht, eine Prüfung durch den Sachverständigen oder eine Eintragung in der Bauakte, dann lassen Sie es lieber professionell machen. Die Einsparung ist nicht wert, was Sie riskieren.
Rechtliche Fallgruben: Haftung, Versicherung und Anmeldung
Wenn Sie Freunde oder Familienmitglieder zum Helfen bitten, denken Sie nicht nur an Kaffee und Kuchen. Denken Sie an das Gesetz.
Wer als Bauhelfer tätig ist, ist rechtlich gesehen ein Arbeitnehmer - auch wenn er nichts bekommt. Das bedeutet: Sie müssen ihn bei der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft anmelden. Sonst haften Sie, wenn er stürzt, sich verletzt oder etwas kaputt macht. Die Versicherung zahlt dann nicht. Und die Strafe? Bis zu 25.000 Euro Bußgeld.
Und was, wenn Sie selbst etwas kaputt machen? Wer die Leitung anbohrt, die dann undicht wird - wer ist verantwortlich? Der Handwerker, der das Material geliefert hat? Oder Sie? Ohne schriftliche Absprache ist das ein Rechtsstreit, der Jahre dauern kann.
Ein wichtiger Hinweis: Wenn Sie als Bauherr selbst Unternehmer sind, müssen Sie besonders aufpassen. Ein Gerichtsurteil des OLG Hamm (Az.: 21 U 155/19) klärte: Ein Architekt haftet nicht für Schäden durch Eigenleistungen, wenn er nur eine Einzelfallberatung gegeben hat. Das heißt: Wenn Sie sagen „Ich mache das selbst, Sie sagen mir nur, wie“, dann ist der Architekt nicht verantwortlich. Aber Sie sind es. Vollständig.
Das beste Mittel: Schreiben Sie alles auf. Was machen Sie selbst? Was macht der Handwerker? Wer liefert das Material? Wer ist verantwortlich, wenn etwas schiefgeht? Unterschreiben Sie das - und geben Sie eine Kopie an Ihren Baubegleiter.
Wie finden Sie den richtigen Baubegleiter?
Nicht jeder, der sich „Baubegleiter“ nennt, ist auch einer. Suchen Sie nach:
- Einem Abschluss als Architekt, Bauingenieur oder staatlich geprüfter Bautechniker
- Einer Mitgliedschaft bei der VPB (Vereinigung Privater Bauherren) oder einem ähnlichen Verband
- Erfahrung mit Eigenleistungsprojekten - nicht nur mit Fertighäusern
- Einer klaren Leistungsbeschreibung und transparenten Preisen
- Referenzen von Bauherren, die selbst gearbeitet haben
Vermeiden Sie Angebote, die „ab 99 Euro“ versprechen. Baubegleitung ist keine Dienstleistung, die man im Internet bestellen kann. Sie braucht Zeit, Erfahrung und Verantwortung.
Ein guter Baubegleiter kommt mindestens einmal pro Woche auf die Baustelle. Er hat ein Protokollbuch. Er nimmt Fotos. Er sagt Ihnen, was gut läuft - und was nicht. Er ist kein Aufpasser, sondern Ihr Berater.
Was kostet Baubegleitung - und lohnt sie sich?
Die Kosten liegen zwischen 1 % und 3 % der gesamten Baukosten. Bei einem Haus für 300.000 Euro sind das 3.000 bis 9.000 Euro. Klingt viel? Vergleichen Sie mit dem, was ohne Begleitung passiert.
Ein Beispiel aus der Schweiz (Reconsal.ch): Ein Bauvorhaben ohne Begleitung kostete 385.000 CHF. Mit Folgeschäden (Undichtigkeiten, falsche Isolierung, Nachbesserungen) stieg der Preis auf 435.000 CHF. Mit Baubegleitung: 400.000 CHF - inklusive aller Kontrollen und ohne Nachträge. Die Einsparung: 35.000 CHF. Und das ist nur der finanzielle Teil. Der psychologische Teil - die Sicherheit, dass alles richtig läuft - ist unschätzbar.
Die meisten Bauherren, die später mit Problemen konfrontiert sind, sagen ein und dasselbe: „Ich dachte, ich schaffe das allein.“
Checkliste: Was Sie vor dem ersten Spatenstich tun müssen
- Listen Sie auf: Was genau wollen Sie selbst machen? (Nicht: „Alles, was ich kann“, sondern: „Ich verlege die Fliesen im Bad“)
- Prüfen Sie: Welche Arbeiten brauchen eine Genehmigung? (Bauamt anrufen)
- Finden Sie einen Baubegleiter - und vereinbaren Sie einen Termin für die erste Planung
- Lassen Sie sich schriftlich bestätigen: Wer ist verantwortlich für welche Arbeiten?
- Melden Sie alle Helfer bei der Berufsgenossenschaft an - auch wenn sie nichts bekommen
- Legen Sie fest: Wer liefert das Material? (Handwerker oder Sie?)
- Erstellen Sie einen Bauzeitplan mit Ihrem Baubegleiter - inklusive Puffer für Ihre Eigenleistungen
- Verlangen Sie von jedem Handwerker einen schriftlichen Auftrag - mit Leistungsbeschreibung und Preis
- Verlangen Sie von Ihrem Baubegleiter: Protokolle, Fotos, Rechnungsprüfungen
- Halten Sie alles schriftlich - und bewahren Sie es auf
Frequently Asked Questions
Darf ich als Bauherr selbst die Bauleitung übernehmen?
Nein, wenn Sie keine entsprechende Ausbildung als Architekt, Bauingenieur oder staatlich geprüfter Bautechniker haben. Die Bauleitung ist eine rechtlich verankerte Aufgabe, die nur von zertifizierten Fachleuten übernommen werden darf. Wer als Laie die Bauleitung übernimmt, haftet für alle Mängel - auch wenn er nur einen Teil der Arbeiten selbst ausführt. Die Bauaufsichtsbehörde kann den Bau sogar untersagen, wenn keine ordnungsgemäße Bauleitung nachgewiesen wird.
Muss ich meine Helfer bei der Berufsgenossenschaft anmelden?
Ja, unbedingt. Jeder, der auf Ihrer Baustelle arbeitet - auch Freunde, Verwandte oder Nachbarn - gilt rechtlich als Arbeitnehmer, wenn er Tätigkeiten ausführt, die normalerweise ein Handwerker macht. Wenn sie sich verletzen, zahlt die private Unfallversicherung nicht. Nur die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft deckt solche Fälle ab. Die Anmeldung ist kostenlos, aber verpflichtend. Ohne Anmeldung drohen Bußgelder bis zu 25.000 Euro.
Kann ich Eigenleistungen nachträglich in den Bauvertrag einbauen?
Ja, aber nur, wenn alle Beteiligten zustimmen - und schriftlich festhalten, was Sie übernehmen. Der Handwerker muss wissen, welche Arbeiten er nicht mehr machen muss. Der Baubegleiter muss prüfen, ob die Leistung technisch sinnvoll ist. Und Sie müssen sicherstellen, dass die Leistung nicht die Gewährleistung des Gesamtbauvorhabens gefährdet. Nachträgliche Änderungen ohne Dokumentation sind eine der häufigsten Ursachen für Rechtsstreitigkeiten.
Was passiert, wenn ich mit meiner Eigenleistung einen Baumangel verursache?
Sie haften vollständig. Selbst wenn ein Handwerker das Material geliefert hat, ist der Fehler, den Sie bei der Verarbeitung machen, Ihre Verantwortung. Die Gewährleistung des Handwerkers gilt nur für seine eigene Arbeit. Wenn Sie die Dämmung falsch verlegen, haften Sie für die Folgeschäden - Schimmel, Feuchtigkeit, Schäden an der Struktur. Die Versicherung zahlt nicht, wenn der Schaden durch Ihre fachliche Unkenntnis entstanden ist.
Wie viel Zeit brauche ich für Eigenleistungen?
Viele Bauherren unterschätzen den Zeitaufwand um 50-100 %. Ein Fliesenlegen im Bad dauert bei einem Profi 2 Tage. Bei einem Laien mit Pause, Nachdenken, Fehlerbehebung und Warten auf Material: 5-7 Tage. Und das ist nur ein Raum. Planen Sie doppelt so viel Zeit ein, wie Sie denken - sonst verzögert sich das gesamte Projekt, und die Kosten steigen.
Geschrieben von Jens Schreiber
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